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Landestrachtenverband
Niedersachsen e. V. (LTN)

Tracht des Jahres 2010

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Schaumburger Wochenblatt 21.04.10
Ministerpräsident Wulff würdigt die Oesterten-Tracht

 

Buntes Erscheinungsbild beim Deutschen Trachtentag in der Kurstadt / Erhaltung des Kulturerbes
BAD NENNDORF (Ka) Der Landestrachtenverband Niedersachsen unter dem Vorsitz von Wilfried Dubiel lud zum Deutschen Trachtentag nach Bad Nenndorf ein und konnte eine Abordnung aus 30 Landschaften begrüßen. Das Schaumburger Land stellt mit der aufwendig gestalteten Oesterten-Tracht aus Lindhorst, die Tracht des Jahres 2010. Grund genug für die Trachtenverbände in die Heimat der ausgezeichneten Oesterten-Tracht bestehend aus Leinenhemden, 16rtrac-2dem charakteristischen roten Rock mit farbigem Bandbesatz, Kaputt und Bostdauk, diversen Schürzen, der Halskrause, „Hällschen" genannt, bestickten Schultertüchern und getrickten Unterarmstulpen, den „Handschen" wie auch den Kopfbedeckungen mit „Punzmüssen", „Öllkenmüssen" und Kopftücher zu reisen. Bis vor wenigen Jahren leuchteten die roten Röcke noch in den Dörfern, heute sind sie nahezu verschwunden. Um das Kulturerbe zu erhalten, setzen sich die Niedersächsischen Trachtenvereine mit rund 35.000 Mitgliedern für den regionalen Erhalt der Kleiderord­nung, an der der Familienstand und Reichtum der Trägerin ausgemacht werden kann, wie auch für die traditionellen Volkstänze ein. Das dreitägige Delegierten-Programm war sorgfältig gewählt und führte sie in das Schloss Bückeburg mit anschließender Besichtigung des Marstallmuseums der fürstlichen Hofreitschule. Des weiteren bot sich den Nenndorfer Bürgern ein buntes Bild im Kurpark und auf der Esplanade, denn eine Vielfalt von Trachten offenbarte sich ihnen bei den historischen Stadtführungen in Tracht. Als Höhepunkt stand der Besuch des Ministerpräsidenten Christian Wulff auf dem Programm. Er zeigte sich, bürgernah und wurde bereits vor Eintritt in die Wandelhalle von Trachtenträgern in ein Gespräch eingebunden. Der Landesvater war mit den regionalen Trachten vertraut und bewies in seiner Ansprache Sach- und Fachkenntnisse, was die Traditionen, Sitten und Gebräuche betraf. Nur wer sich mit den eigenen Sitten und Gebräuchen auskennt, interessiert sich auch für Fremde, so Wulff. Die Roten Röcke sind ein Stück auffällige Geschichte und werden mit Selbstbewusstsein getragen. Ein kleiner Landkreis hält eine große Tracht bereit, formulierte Wulff und fügte hinzu, dass es nicht so sehr auf die Größe, vielmehr auf die Bedeutung ankommt. Die Herkunft und die Wurzeln bilden ein festes Fundament. Wulff bedauerte zugleich, dass die Schönheiten der Oesterten-Tracht (Lindhorst), der Westerten-Tracht (Bückeburg) und der Friller Tracht (Frille bei Minden) aus den Stadtbildern zunehmend verschwinden und dankte den Vereinen mit ihren ehrenamtlich Aktiven, dass sie durch erfolgreiche Mitgliederwerbung für Nachwuchs in den Reihen sorgen und sich für die Pflege der alten Volkskunst einsetzen. Im Anschluss wurde die Oesterten-Tracht im Beisein einer großen Abordnung von Kindern und Jugendlichen in der Tracht des Jahres mit einer Urkunde ausgezeichnet.

Schaumburger Nachrichten 19.4.2010
Ka-I„Brückenbauer zu anderen Kulturen”

Deutscher Trachtentag in Bad Nenndorf/ Ministerpräsident lobt Einsatz der Verbände
Ein farbenprächtiges Bild haben Pas­santen am Wochenende in Bad Nenn­dorf erlebt. Zum Deutschen Trachten­tag waren Vertreter aus 30 Land­schaften gekonunen. Die Träger folk­loristischer Kleidung sind keine Min­derheit: Allein der niedersächsische Trachtenverband zählt 35 000 Mitglie­der. Bundesweit gibt es rund 1000 Trachtenvariationen.

BAD NENNDORF. Vorsichtig neigt Su­sanne Stützner den Kopf. Sie trägt den „Hormt", eine hohe Kappe mit 52 Kirschblättern aus vergoldetem Silber. Würde sie vor hundert Jahren gelebt haben, wären ihre langen Haare zu Zöpfen geformt und wie ein Ring über die blinkende Haube gebunden. Außer­dem hätte jedermann ihren Familien­stand vom Kopfschmuck ablesen kön­nen: Er wird von jungen Frauen nur von der Konfirmation bis zur Trauung ge­tragen.
Die Altenburgerin ist gleich in dop­pelter Mission an den Deister gekom­men. Einerseits wollte sie die Tracht ih­rer ostthüringischen Heimat zeigen. Mehr noch aber ist die Leiterin des dor­tigen KulturamtsIMG_5027_01-1 für die Ausrichtung des nächsten Deutschen Trachtentages in 2011 verantwortlich. Deshalb infor­mierte sie sich schon einmal über die Abläufe.
Dass gerade Bad Nenndorf der Schauplatz des dreitägigen Treffens ge­wesen ist, liegt am Prädikat „Tracht des Jahres", die Bundesvorsitzender Knut Kreuch keinem Geringeren als Nieder­sachsens Ministerpräsident Christian Wulff in Form einer Urkunde in die Hand drückte. Wulff gab sie an die Vor­sitzenden der Lindhorster Trachten­gruppe und der Apelerner Tanz- und Trachtengemeinschaft, Klaus Kutil und Dagmar Eynck, weiter.
Denn die Auszeichnung galt der „Oesterten-Tracht", wie sie noch in neun Vereinen des östlichen Schaum­burger Lands gepflegt wird. „'Tracht des Jahres' ist unser Bundesverdienst­kreuz", erklärte Kreuch dem Minister­präsidenten. Es war das erste Mal, dass die Auszeichnung nach Norddeutsch­land vergeben wurde.
Kreuch hatte in seiner Festrede der Abkürzung LTN des Landestrachten­verbands Niedersachsen eine neue Deu­tung gegeben: „Lebt Trachten nachhal­tig." Gleichzeitig lobte er die Gast­freundlichkeit der Stadt Bad Nenndorf und die Sehenswürdigkeiten - -des Schaumburger Landes. Am Morgen hatten Exkursionen unter anderem Schloss Bückeburg gegolten. Auch dort waren im Nu die Trachtenträger im Stadtbild aufgefallen.
Ministerpräsident Wulff lobte die Trachtenvereine als „Brückenbauer zu anderen Kulturen": „Wer die eigenen Sitten und Gebräuche kennt, interes­siert sich auch für fremde". Er k16rtrac-3önne sich vorstellen, dass mit dem textilen Brauchtum „ein unendlicher Aufwand an Pflege und Nachbildung der Origi­nale verbunden" sei. Aber dieses Enga­gement sichere die kulturelle Vielfalt.
Wulff zeigte sich wohlinformiert über die regionalen Kleiderordnungen. Wenn heute Technik und Internet De­tails aus der Privatsphäre zu ermitteln seien, habe dies schon vor hundert Jahren für die Trachten gegolten: An ihr seien Familienstand und Reichtum erkennbar gewesen.
Wulff bedauerte, dass gerade im Schaumburger Land die Zahl der noch lebenden Trachtenträgerinnen stark zurückgegangen sei. Um so wichtiger sei die Aufgabe der hiesigen Vereine, auch jungen Leuten “Freude an der Tracht zu geben”.
Wie auf Kommando öffneten sich die Tür: Etliche junge und erwachsene Träger der “Oesterten”-Tracht scharten sich um den Ministerpräsidenten; Kinder aus Lindhorst sangen drei plattdeutsche Lieder. Anschließend nahm sich der prominente Gast noch eine Menge Zeit: Alle Abordnungen wollten sich mit dem Landesvater fürs Familienalbum fotografieren lassen. nah.

SPLITTER AUS DER WANDELHALLE
Von roten und schwarzen Röcken
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Bundesvorsitzender Knut Kreuch hat seine eigene Philosophie zur folkloristi­schen Kleidung. Der wortflinke Mann, der im Hauptberuf Oberbürgermeister der thü­ringischen Stadt Gotha ist, erklärte seinen schmunzelnden Zuhörern: „Lieber ziehe ich vorher die Tracht an, als anschließend eine zu bekommen."
Ministerpräsident Christian Wulff sah sich für einen Moment als Gastredner fehl am Platze: „Ich bin hier wohl nicht der richtige, weil es doch rote Röcke sind und nicht schwarze." Angesichts der Begeiste­rung der Schaumburger Kinder, die ihm ein Ständchen brachten und ihn sofort als Lan­deschef erkannten, kam er zudem ins Nach­denken: „Ich glaube, ich muss wohl meine Kinder auch anders einkleiden", gab er schließlich zu.
Jüngster Gast des Deutschen Trachtentags in Bad Nenndorf war der zweijährige Raffael Dlabal. Natürlich trug er die Traditionsklei­dung seiner würt­tembergischen Heimat Bietig­heim, scherte sich aber ansonsten kaum um die Re­gularien. Mama Nicole um so mehr: Sie ist Vorsitzende der Deutschen Trachtenjugend mit rund 250 000 Mit­gliedern in zehn Landesverbänden.
Text und Fotos: nah

 

Schaumburger Nachrichten 3.4.2010.
Rare rote Röcke

Was früher zum Alltagsbild in den Dörfern im Schaumburger Land gehörte, wird vielerorts nur noch zu speziellen Anlässen getragen: die Trachten. Mittlerweile haben sich Vereine gegründet, um das Kulturgut am Leben zu erhalten. In Schaumburg gibt es außer der „Tracht des Jahres 2010", der OestertenTracht, auch die Westerten-Tracht und die Friller Tracht. Allesamt stehen sie auch für ein Stück Geschichte der jeweiligen Region.

Von Bernd Althammer

Die Schaumburger Tracht ist aus dem Alltag fast verschwunden. 7te-Tag-6Bis vor wenigen Jahren leuchteten die roten Röcke in den Dörfern und auf dem Markt, in den Vorgärten und beim sonntäglichen Kirchgang. Heute leben nur noch wenige Frauen, die diese Tradition bewahren. Dafür gibt es jedoch etliche Trachtenvereine, die außer dem Volkstanz die Orignaltextilien pfle­gen oder detailgetreue Nachbildungen anfertigen. Für Monate gewinnt zumin­dest eine Variante der Schaumburger Traditionskleidung bundesweite Auf­merksamkeit. Die „OestertenTracht" ist zur „Tracht des Jahres" erklärt worden.

Was Bäumen, Blumen, Vögeln und sogar Insekten widerfährt, ist inzwischen sogar bei den Bewahrern regionaler Folk­lore gang und gäbe: Seit 2006 verleiht der Bundesverband das Prädikat „Tracht des Jahres" einer Region. Nach Hohenlohe/Württemberg und Ruhla in Thüringen, Miesbach/Bayern und der Schwalm in Hessen fiel die Wahl für 2010 auf die Oesterten-Tracht. Die Freude war groß in den neun Vereinen, in denen das Brauchtum noch gepflegt wird. „Das schließt uns bestimmt enger zusammen, so Renate Böhme, die in der Apelerner Tanz- und Trachtengemeinschaft für die Handarbeiten an den alten Originalen zuständig ist. Und auch Vorsitzende Dagmar Eynck rechnet fest mit mehr Aufmerksamkeit unter Gleichgesinnten auf Landes- und Bundesebene, sowie beim Publikum, wenn die traditionelle Klei­dung erläutert wird oder Gruppen sich zum Tanz formieren.

Andererseits war es offenbar höchste Zeit, dass die rar gewordenen roten Röcke in den Jahresmittelpunkt gestellt werden. Denn nur „eine lebende Tracht" könne ein solches Prädikat erhalten, weiß Eynck. Und das sei in Schaumburg gerade noch gegeben - mit den wenigen weitgehend hochbetagten Trägerinnen und dem Engag7te-Tag-3ement der hiesigen Gruppen und Vereine, die sich regelmäßig in der Öffentlichkeit präsentieren.

Dem stellvertretenden Vorsitzenden des Niedersächsischen Trachtenverbands, Heinz Müller, der selbst den weißen Kittel und die Fellmütze der Oesterten-Tracht trägt, wäre es allerdings lieber gewesen, alle drei Schaumburger Trachtenlinien hätten gemeinsam die Auszeichnung erhalten. Doch die Jury sah zu große Unterschiede zwischen der Oesterten („Lindhorster"), der Westerten („Bückeburger") und der Friller Tracht. Deshalb entschied sie sich nur für den „Oesterten"-Bereich mit den fünf Kirchspielen der hannoverschen Landeskirche Apelern, Bad Nenndorf, Beckedorf, Hohnhorst und Rodenberg und in den vier Kirchspielen der schaumburglippischen Landeskirche Lauenhagen, Lind­horst,7te-Tag-4 Probsthagen und Heuerßen östlich Stadthagens.

Für den Laien sind die Nuancen der Kleidung in den drei Bereichen ohnehin kaum erkennbar. Nur die Kopfbedeckung der Frauen gilt als deutlichstes Merkmal: Denn anstelle der eher bescheidenden Mütze, die als einzige Zierde nur durch zwei lange Bänder ergänzt wird, ist die Bückeburger Kappe aufwendig gearbeitet mit großen Flügelschleifen und einem mit Perlen und Pailletten bestickten „Plitt" über der Stirn. Die Frauen mussten sogar ihr langes Haar zu einem Knoten auf dem vorderen Kopf formen, um den Schmuck besser zu stützen. Die Mütze der Friller Tracht besteht hingegen aus zwei hörnerartigen Spitzen, um das ein schmales Samtband geschlungen wird.

Bis ins 19. Jahrhundert soll die Schaumburger Tracht unabhängig von den politischen Grenzen weitgehend einheitlich gewesen sein. Erst danach hat sich die Kleidung in den drei Gebieten weiterentwickelt. Die al7te-Tag-5lmählich immer größer gewordenen Flügel auf den Frauenköpfen im Westerten-Gebiet gelten zum Beispiel ebenso als Hinweis auf wachsenden Wohlstand wie filigrane Stickereien oder immer größerer Schmuckteile.

Während die Frauen im Alltag an rotem Rock, Leinenschürze, Bluse (Kaputt) und Weste (Bosdauk) festhielten und zum Kirchgang und Familienfeiern ihre Festtagskleidung anlegten, zogen die Männer wohl schon vor dem Ersten Weltkrieg ihre Kittel und Westen allenfalls nur zu besonders hohen Anlässen an. Überhaupt nahm sich seit jeher das Gewand der Herren äußerst bescheiden aus: Die wahre Pracht und auch den Reichtum der Familie trug die Frau zur Schau.

Dass auch innerhalb der drei Trachtengebiete es bei Schnitten, Stickereien und Perlenschmuck zu Abweichungen kam, lag am Einfluss der Dorfnäherinnen. Sie bestimmten in gewisser Hinsicht die Mode der Zeit. Manche dieser „Nahschen", Mützenmacherinnen und Knopfmacherinnen sind von Hof zu Hof gereist und boten ihre Dienste an. Abweichungen gab es auch zwischen den Kirchspielen.

IMG_5017_01-2Überhaupt stand die Tracht in engem Bezug zu christlichen Ereignissen. Konfirmation und Hochzeit, der Gang zum Abendmahl und schließlich die Zeit der Trauer spiegeln sich in der Festtagskleidung wider. Der Besuch des Sonntagsgottesdienstes war immer Anlass, die jeweils neuesten Accessoires anzulegen: das Zierband an Rocksaum oder Bosdauk, die bestickte Schürze, die perlen­besetzten „Hanschen" (Handschuhe), der verzierte „Schlips" (Halstuch).

Von Kleidern sprachen die Frauen nicht; sie trugen ihren „Anzug", der aus bis zu 20 Teilen bestand. Bis zu 15 Anzüge hingen im Schrank: Röcke in verschiedenen Stoffen für S7te-Tag-7ommer oder Winter, in unterschiedlichen Rottönen und mit bis zu 18 Besatzbändern am Saum, kombiniert aus drei Arten und sechs Farben. Was also für den unwissenden Betrachter auf den ersten Blick absolut gleich aussah, bot für die Trägerinnen selbst durchaus modische Differenzierungen. Hinzu kam der Schmuck: eine fast tellergroße Brustspange, eine Kette mit großen Bernsteinen, Ring und Ohrringe. Zur Konfirmation wurden die jungen Mädchen zum ersten Mal mit zwei kompletten Trachten ausgestattet: zur Vorstellung im Gottesdienst sowie zum ersten Abendmahl. Oft sorgten Eltern und Taufpatin gemeinsam für die Ausstattung; manche Teile wurden in der Familie vererbt; andere ausgeliehen. Bei Kindern von Tagelöhnern war es meist Ehrensache des Bauern, diesen den Anzug oder wenigstens Teile davon zu stiften.

In ihrem Buch „Rote Röcke” beschreiben die Autorinnen Friederike Kästing und Sophie Mensching die Abendmahlstracht als „höchsten Ausdruck der Verknüpfung von christlichem Leben und weltlichem Glauben": Die Frau trägt die Kleidung ihr Leben lang bei hohen kirchlichen Festtagen und familiären Ereignissen bis hin zur letzten Ruhe im Sarg. Die hellen Farben wechselten in Zeiten der Trauer: Der rote Rock wich dem schwarzen; das leuchtende Muster den dunkleren Emblemen. Zudem ließ sich an der Tracht Reichtum ebenso ablesen wie der Familienstand.

Die ganze textile Pracht aber zeigte sich am Tag der Hochzeit' Die Abendmahlstracht wird noch ergänzt durch aufwendig gearbeitete weitere Teile. Die buchstäbliche Krönung aber ist der prachtvolle Kranz mit goldfarbenen Tressen: Je höher und je verzierter, desto reicher galt die Familie. Es gibt aber auch Kirchspiele, in denen im Pfarrhaus oder bei der „Nahschen" die Krone aufbewahrt und bei Anlässen verliehen wurde. Interessantes Detail am Rande: Aufgenähte kleine Spiegel sollen der Abwehr des Bösen dienen. Hier hat sich heidnischer Brauch bis weit ins Christentum erhalten. Auch die „Kranzmaikens" trugen solche hohen Kronen. Diese waren jedoch nicht mit den langen Tressenbändern versehen. Das eigentliche Trachtenleben aber setzte schon mit der Taufe ein. 7te-Tag-2Mitunter verlieh die Hebamme das aufwendig verzierte Taufkleid. In jedem Fall aber sorgten die Paten für Leinenhemd und Leibchenrock. Den Paten kam übrigens eine wichtige Funktion zu: Beim Tod der Eltern übernahmen diese Pflege und Er­ziehung.

Auch wenn die Trachten aus dem Schaumburger Alltag weitgehend verschwunden sind, ist es hiesigen Vereinen zu verdanken, dass sich Utensilien und Wissen erhalten haben. Die neun Vereine, die die Oesterten-Tracht bewahren, zeigen diese regelmäßig in der Öffentlichkeit. Manche, wie die Apelerner Folkloristen drehen sich in der Festtagstracht zum Tanz; andere ziehen zum Beispiel bei dörflichen Erntefesten die einst alltägliche Arbeitskleidung an. Gruppen wie die „Aalaester Maikens" haben sich einer fast noch intensiveren Brauchtumspflege verschrieben. Sophie Mensching nutzt mit ihren Vereinskameradinnen die Gelegenheit, Bestandteile der Traditionsanzüge vorzuführen und deren Namen und Bedeutung zu erläutern. Dabei verschweigt sie nicht, dass die Oesterten-Tracht zu einiger Berühmtheit gelangte: Schon 1935 wurde die Probsthägerin Anna-Sophie Brands auf einer Briefmarke abgebildet. Und der wohl bekanntesten hannoverschen Marktfrau ist sogar ein Denkmal gesetzt worden. Das war die Lindhorsterin Karoline Duhnsen, die 40 Jahre lang mit dem Zug nach Hannover fuhr, die Kiepe vollgepackt mit Fleisch und Wurst aus dem Schaumburger Land für die Kunden in der Stadt.

 

Schaumburger Wochenblatt 14.04.10
Informatives über rote Röcke

Eine Broschüre nennt Geschichte und Tradition der „Oesterten-Tracht”
BAD NENNDORF/APELERN (al). Die im östlichen Teil des Schaumburger Lands getragene „Oesterten-Tracht" wird am kommenden Wochenende in Bad Nenndorf offiziell zur „Tracht des Jahres". Es ist das fünfte Prädikat dieser Art, das der Deutsche Trachtenverband vergibt. Waren es bislang vorwiegend in Süddeutschland bewahrte Traditionen, ist nun zum ersten Mal der Blick auf Niedersachsen gefallen. Deshalb wird der Deutsche Trachtentag auch im Schaumburger Land einberufen.
Neun Vereine pflegen die „Oesterten" oder auch „Lindhorster" genannte Tracht, die in den fünf Kirchspielen Apelern, Bad Nenndorf, Beckedorf, Hohnhorst und Rodenberg der hannoverschen Landeskirche sowie den vier Kirchspielen Lauenhagen, Lindhorst, Probsthagen und Heuerßen der Schaumburg-Lippischen Landeskirche Gewohnheit waren. Heute ist die Kleidung aus dem Alltag weitgehend verschwunden; nur einige wenige hochbetagteBroschuere-1 Frauen tragen noch den roten Rock. Aber junge Leute pflegen in den Gemeinschaften die textile Kunst und zum Teil auch die überlieferten Volkstänze.

Jetzt waren die Vereine auch in der Pflicht, anlässlich der Prädikat-Vergabe eine Broschüre aufzulegen, die die Trachten und ihre Besonderheiten beschreibt. Neben Dagmar Eynck und Heinz Müller von der Apelerner Tanz- und Trachtengemeinschaft arbeiteten weitere Experten aus anderen Gruppen mit. So ist ein attraktives Heft mit vielen Informationen und farbigen Bildern entstanden. Der Landestrachtenverband hat die Druckkosten für tausend Exemplare übernommen. Diese werden am kommenden Wochenende den Delegierten überreicht. Außerdem ist die Broschüre im Gepäck, wenn Abordnungen in „Oesterten"-Tracht bundesweit die früheren Schaumburger Gewohnheiten präsentieren. Schon gibt es die ersten Termine für die Apelerner. Doch auch einige andere Gemeinschaften dürften sich auf die Reise begeben. „Diese Auszeichnung ist für uns Verpflichtung", betont Müller. Das kleine Heft dürfte ein Übriges tun. In knappen Texten werden die historischen Kleidergewohnheiten im Alltag sowie bei kirchlichen Festen erläutert und entsprechend illustriert.

Ein Kapitel befasst sich mit der geschichtlichen Entwicklung; eine Liste nennt die hiesigen Brauchtumsvereine. Auf dem Titelbild sind die „Häger Ringelschotschen" des Tanzkreises Lüdersfeld dargestellt. Besonders interessant dürfte die Aufnahme einiger der letzten Trachtenfrauen in Nordschaumburg sein. Die Rückseite des Hefts ziert eine Gruppe von Rotrockträgerinnen.
(Hinweis: das Heft kann beim LTN käuflich erworden werden)


Schaumburger Nachrichten 15.4.10
Rote Röcke auf der Rückseite

Schaumburger Vereine stellen Broschüre zur „Tracht des Jahres" vor
Trachtenträger aus allen Teilen Deutschlands versammeln sich am kommenden Wochenende zum Deutschen Trachtentag in Bad Nenndorf. Im Rahmen der dreitägigen Veranstaltungsfolge soll die „Oesterten"-(„Lindhorster")-Tracht zur „Tracht des Jahres" erklärt werden. Die hiesigen Vereine haben soeben aus diesem Anlass eine Broschüre vorgelegt.

BAD NENNDORF. Das bunt bebilderte Heft mit vielen ErläutBroschuere-2erungen behält vorerst den Rang des Exklusiven. Gerade einmal tausend Exemplare hat der Landestrachtenverband finanziert. Das Heft geht an die Teilnehmer der Tagung und wird bundesweit bei Veranstaltungen erhältlich sein, auf denen die Folklorekleidung aus dem östlichen Schaumburger Land gezeigt wird. Wie von den SN berichtet worden ist, wird das Prädikat „Tracht des Jahres" jetzt zum fünften Mal vergeben - und zum ersten Mal nach Norddeutschland.

„Diese Auszeichnung ist für uns Verpflichtung", betont der stellvertretende Landesvorsitzende Heinz Müller, der zugleich der Apelerner Tanz- und Trachtengemeinschaft angehört. Diese hat mit einigen anderen der insgesamt neun Gemeinschaften der „Oesterten"- Region die Broschüre entwickelt. In knappen Texten werden die historischen Kleidergewohnheiten im Alltag sowie bei kirchlichen Festen erläutert und entsprechend illustriert. Die meisten Texte hat Apelerns Vorsitzende Dagmar Eynck geschrieben, dabei jedoch Unterstützung von lokalen Experten erfahren.

Ein Kapitel befasst sich mit der geschichtlichen Entwicklung, eine Liste nennt die hiesigen Brauchtumsvereine. Auf dem Titelbild sind die „Häger Ringelschotschen" des Tanzkreises Lüdersfeld dargestellt. Besonders interessant dürfte die Aufnahme einiger der letzten Trachtenfrauen in Nordschaumburg sein. Die Rückseite des Hefts ziert eine Gruppe von Rotrockträgerinnen.

Offiziell wird das Prädikat „Tracht des Jahres" erst während der Tagung in Bad Nenndorf verliehen. Die hiesigen Vereine aber rüsten sich bereits zu ersten Reisen: In den nächsten Wochen werden sie die Traditionskleidung aus dem Schaumburger Land auch überregional vorstellen. Die entstehenden Kosten für Fahrt oder sogar Übernachtung haben sie in den meisten Fällen selbst zu tragen. „Aber das ist es uns wert", befindet Müller, der sich mit seinen Apelerner Vereinskameraden mehrfach auf den Weg machen will. nah

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