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Landestrachtenfest vom 27.-28. August 2005 in Peine
Pressenachlese
Peiner Allgemeine Zeitung 29.8.05 - Seite 7
Tausende Peiner reisten in die Vergangenheit
Rund 20 000 Menschen erlebten am Wochenende das Landestrachtenfest, Winzertage und die Burgparknacht in der Innenstadt
Einen Zeitsprung ins 19. Jahrhundert erlebten die Peiner am Wochenende in der Fußgängerzone, wo 53 niedersächsische Trachtengruppen ihr Landestrachtenfest feierten. Auf dem ersten Peiner Weinfest wurden kulinarische Köstlichkeiten für Feinschmecker gereicht und gleich von vier Bands gab es am Samstag etwas für die Ohren.
Peine (co, mu, uj). Auf vier Bühnen in der Peiner Innenstadt bebten am Wochenende die Bretter, ganz gleich, ob darauf die Ammerländer Kindertanzgruppe aus Bad Zwischenahn oder die Folkloregruppe „Polonia" aus Hannover tanzte oder mit den Füßen stampfte. Der Landestrachtenverband Niedersachsen (LTN), im Oktober 1978 gegründet, hatte sich diesmal Peine ausgeguckt. Schon beim „Tag der Niedersachsen" 2000 traten hier Gruppen auf - und „das hat der Stadt so gut gefallen, dass sie uns eingeladen hat, das Landestrachtenfest hier zu feiern", sagte Vorständler Heinz Müller.
In Kleidung wie aus der Zeit des 19. Jahrhunderts führten die Trachtengruppen traditionelle Volkstänze auf: Die „Bremer Quadrille", den „Heufahrer" (der Tanz der untreuen Bauersfrau) oder die „Walzermazurka". In den Klassenräumen des Ratsgymnasiums brannten auch gestern die Lichter: Dort bezogen die Trachtengruppen Quartier und Büro und waren voll des Lobes über die „perfekte Unterbringung". „Vier Hausmeister standen uns ständig zur Verfügung und haben keine Wünsche offen gelassen", sagte Müller. Besonders gefallen habe den Übernachtungsgästen das liebevoll zubereitete Frühstück, fügte er hinzu. „Das war Gastfreundschaft wie vor fünf Jahren." Kritikpunkte? „Bei mir hat niemand gemeckert" sagte er und lachte.
Vier Bands spielten Samstagabend auf, „Fizzy Lizzy" im Burgpark spielten Klassiker von Bruce Springsteen, den Rolling Stones und den Supremes. Auf dem Marktplatz heizte die „Wave Combo" den Zuschauern ein. St. Jakobi war die Kulisse für die „Bisch-Basch-Band", die Kanister und Waschbretter zu Musikinstrumenten umfunktioniert hatte. Die Lindenstraße gehörte kratzigen Saxofonklängen des „Magic Boogie Duos".
Platz zum Entspannen fanden Besucher auf dem Marktplatz. Das erste „Peiner Weinfest" lud zu kulinarischen Köstlichkeiten und ausgesuchten Weinen aus der Pfalz. Für drei Tage waren sechs Winzer aus der mit Peine befreundeten Stadt Asselheim nach Niedersachsen gereist, um die Bier-Stadt von ihren guten Tropfen zu überzeugen.
Wunschlos glücklich mit dem Erfolg des Festspektakels äußerte sich „Peine-Marketing"-Chef Thomas Severin: „Wir sind zufrieden, weil alle Beteiligten zufrieden sind". Allerdings seien die Peiner eher zurückhaltende Weingenießer, schränkte er ein, denn die Nachfrage fiel eher bescheiden aus. „Aber solche Veranstaltungen müssen eben langsam wachsen", erklärte der Sprecher der Winzer, Joachim Bannert.
Seine Besucherzahl-Prognose von etwa 20 000 Besuchern sah Severin bestätigt. Er addierte die 2200 Besucher der „Fiesta Mexikana" am Freitag im Burgpark (PAZ berichete) zu den 3500 beim Weinfest auf dem Marktplatz und dem Besucherstrom in der Fußgängerzone und beim großen Trachtenumzug.
Trachten, Tradition und temperamentvolle Tänze Vom Dreispitz bis zur wehenden Schürze: Zum Landestrachtenfest traten 53 Folkloregruppen in volkstümlichen Kleidern des 19. Jahrhunderts auf
Rund 50 verschiedene Trachten, Musik des vergangenen Jahrhundert und fliegende Röcke bei den Traditionellen Tänzen: Das Niedersächsische Trachtenfest in der Fuhsestadt versetzte die Peiner am Wochenende in die Zeit von Feldarbeit, Erntefesten, Kirchgängen, erinnerte aber auch an untreuen Bauersfrauen, Scheuerlöcher und den Schnaps im Hut.
VON CHRISTIAN OPEL UND TOBIAS MULL
Peine., „Klack, klack, klack." Der Klang des unter den alten Holzschuhen bebenben Bühnenbodens trägt noch weit durch die Peiner Innenstadt. Ganz in Blau, mit tiefroten Halsbände rn und Strohhüten auf dem Kopf stehen die Männer der Volkstanzg ruppe Sögel aus dem Emsland auf der Bühne in der Lindenstraße und lassen ihre Füße mit dem hölzernen Schuhwerk auf den Boden krachen. „Das ist die Hümmlinger Erntetracht, die vor rund 100 Jahren noch auf dem Feld getragen wurde", erklärt Klaus Ku lkmann vom Heimatverein Sögel. „Und dieses Kulturerbe wollen wir weiterhin erhalten."
Traditionspflege steht auch für die polnische Folkloregruppe „Polonia" aus Hannover an erster Stelle. Seit 1987 gibt es dieses Ensemble, das sich aus jungen Exil-Polen zusammensetzt und dessen Programm charakteristische Landestänze umfasst. In Peine präsentiert die Gruppe Folklore polnischer Bergregionen, deren überlieferte Liedtexte von der Arbeit der Bewohner und der Leidenschaft für die Musik und das Tanzen erzählen. Die handwerklich aufwändig gestalteten Trachten stammen aus Polen erzählt Aldona Glowaka, die Vorsitzende des Vereins "Polonia" Von der Trachtengruppe Gelldorf-Obernkirchen zeigen sich die Männer mit schwarzen Fellmützen, die Frauen in der Festtagstracht mit Flügelhauben und roten Röcken. „Das Schaumburger Land nennt man auch das Land der roten Röcke", erklärt Übungsleiterin Cora Horstmeier. Auf der Bühne an der St.-Jakobi-Kirche zeigt sie die Kleidungsmerkmale, auf die geachtet werden muss. Die Frauen auf der Bühne heben die Röcke: „Unter dem Rock sind Samtbänder, an deren Länge zu sehen war, wie wohlhabend dieTrägerin war", erklärt Horstmeier. Im Stoff fällt ein Loch ins Auge, das so genannte Scheuerloch. „Damit die Trachten bei der Verrichtung des Geschäfts auf dem Feld nicht schmutzig wurden", erklärt die Übungsleiterin. Früher dachte man halt praktischer.
„Jede Gruppe hat ihre eigenen Tänze", erklärt Marianne Dubiel von der 1958 gegründeten Trachtengruppe Sandhorst. Früher zogen Tanzmeister durch das Land, die den Leuten in Ostfriesland Tänze beibrachten. Deshalb ähneln sich viele Tänze von niedersächsischen Gruppen, jedoch mit feinen Unterschieden. Wenige Trachten wurden weitervererbt, die meisten wurden nach alten Texten, Bildern und Museumsstücken von Hand nachgearbeitet. Dubiel ist seit 30 Jahren in der Gruppe und legt Wert auf Feinheiten. „Eine Tracht ist keine Uniform", erklärt sie. Schon in zehn Kilometern von einander entfernten Orten gibt es Unterschiede bei den Kleidungsstücken. ”Tracht” ist ein Wort, das es eigentlich nicht gibt", meint Dubiel. Ihre Kleidung ist die einer wohlhabenden Bauersfrau um 1800. Neben der Sonntags- und Festtagskleidung gab es auch eine Viertel- und Halbtrauerkleidung: Nach einer bestimmten Zeit, je nach Verwandschaftsgrad des Verstorbenen, trug die Trauernde Kleider mit weniger Schwarz. Jedes Detail der Kleidung verrät etwas über die Trägerin. Hier seien nur wenige genannt am Beispiel einer Frauentracht aus Ostfriesland: Verheiratete Frauen trugen außerhalb des Hauses eine Haube, die sie nicht abnehmen durften, daher auch der Ausdruck: „Unter die Haube kommen". Die Ohrringe (Creolen) waren bei verheirateten Frauen mit einer Schlange verziert, für jedes Kind kam ein Herz dazu. Nähzeug wie Schere, Nadeldose und -kissen trugen die Frauen stets am Gürtel. „Man hat damals die helle Tageszeit ausgenutzt", erklärt Dubiel. Zehn Jahre lang haben sie und viele andere Mitglieder'der Gruppe benötigt, um die Stücke, teilweise Originale wie die Bügeltasche von 1730, zusammenzutragen.
„Da stecken verdammt hohe Werte drin", sagt Heinz Müller vom Vorstand des Trachtenverbandes. Für eine langgesuchte Brosche verzichteten er und seine Frau eigens auf den Urlaub, um sich das etwa 1750 Euro wertvolle Stück zu leisten.
Auf dem Marktplatz können Besucher indes den Eindruck gewinnen, als ob sich ein paar Schornsteinfeger auf die Bühne verirrt hätten. Mit großen schwarzen Zylindern auf den Köpfen der Männer tanzt dort der Tanz- und Trachtenkreis Luhmühlen aus der Lüneburger Heide. Am Rande der Bühne erklärt Wilfried Dubiel, der Vorsitzende des Landestrachtenverbands, den Hintergrund der ungewöhnlichen Kopfbedeckung. „Früher trugen die : Herren den Zylinder zum Kirchgang. Man nannte ihn „Spint", da er oft als Versteck diente", sagt er und fängt an zu schmunzeln. Und wofür? „Als Versteck für Brot und Schnaps," verrät der Experte.
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