Lüchow 2008

Elbe-Jeetzel-Zeitung 25.8.08
Beifall für bunte Trachten
Festumzug des Landestrachtenfestes — Der Funke sprang aufs Publikum über

as Lüchow. Jede Menge aufwändig bestickte Trachten, bunte Fahnen und unter- schiedliche Volks- und Marschmusik prägten den großen Festumzug, der gestern am späten Nachmittag den Abschluss des Landes- trachtenfestes bildete. Einige tausend Zuschauer mögen es wohl gewesen sein, die die Straßenränder der Lüchower Innenstadt säumten und die Auftritte der Trachten- und Volkstanzgruppen mit viel
Applaus honorierten.

Weit über 800 Mitwirkende zogen in 40 Gruppen durch die Stadt, gesichert von der Polizei und musikalisch begleitet von den Spielmannszügen aus Rosche, Gartow, Wustrow und einer Blaskapelle aus Salzwedel. Doch auch die Trachtengruppen hatten für eigene musikalische Untermalung gesorgt, und als ein Akkordeon-Spieler „Sing man tau..." anstimmte, da sangen die Zuschauer spontan mit eine beispielhafte Begebenheit, die verdeutlicht, das der Funke des Trachtenfestes auf das Publikum "übergesprungen war. Und auch für die Volkstanzmusik der litauischen Trachtengruppe Zaisa gab es Beifall.

Beeindruckt zeigten sich die Besucher, die aus allen Teilen des Landkreises gekommen waren, beispielsweise auch von den fröhlichen Harzgebirglern aus Seesen, die mit dem Peitschenknallen für Aufsehen sorgten. Ebenso wie der Kastangnetten-Klang der Trachten- gruppe Joventut aus dem südfranzösischen Perpignan, die damit einen Hauch der katalanischen Region der Partnerstadt Ceret in Lüchow versprühte.

Die Lacher auf ihrer Seite hatte die Heideblütenkönigin aus Westerweyhe, die mit ihrem Gefolge ein dreifaches „Mäh" auf die Stadt Lüchow ausbrachte – in Vertretung der Heideböcke, die am Umzug nicht teilnahmen. Proviant hatten sich die Mitglieder des Erntefestvereins aus Schnega mitgebracht und spontan auch Polizisten mit Stullen versorgt. Den Schluck aus dem Tonkrug lehnte der Ordnungshüter dankend ab „dann wär er auch umgefallen", frozzelte ein Erntehelfer.

Zu all der guten Feststimmung hatte natürlich auch das Wetter beigetragen. Trotz der dunklen Wolken am Himmel brauchten mitgeführte Schirme zum Schutz der Trachten nicht aufgespannt zu werden – sprich: ein rundum gelungener Umzug, der aber bei Groß und Klein Kraft gekostet hatte – einer der Jüngsten war auf Papas Schulter während des Ummarsches eingeschlafen.

„Wiederholung nicht ausgeschlossen. In Lüchow hat die Organisation prima geklappt", lobte Heinz Müller, der Leiter des Landes- trachtenfestes, die tatkräftige Unterstützung durch die Stadt. Müller hat bislang ein gutes Dutzend Landestrachtenfeste für den Dachverband organisiert. Eine größere Zahl von Teilnehmern sei durch den ungünstigen Termin verhindert worden, weiß Müller aus Erfahrung. „Wegen der Einschulung haben viele Kinder, die sonst immer dabei sind, diesmal gefehlt.” Heinz Müller bedauerte, dass sich der Umzug erst mit einer viertelstündigen Verspätung in Bewegung gesetzt hatte: „Normalerweise klappt das auf die Minute genau". Aber durch Verzögerungen bei den Tanzauftritten war das Programm zeitlich ein wenig in Rückstand geraten. Der guten Laune vieler Trachtenträger und Volkstänzer machte das nichts aus. Denn nach dem Umzug wurde an so mancher „Tränke" auf dem Marktplatz noch ein bischen weitergefeiert, ehe es Richtung Heimat ging.

 

Elbe-Jeetzel-Zeitung 25.8.08

Aus erlebtem
lernen

Ministerpräsident Wulff kam als Gratulant


by Lüchow. Wie sich Lüchows Lange Straße werktags mit vielen tausend Pkw und Lkw täglich zeigt und anhört, war Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) gestern vormittag nur verbal zu vermitteln. Die Innenstadt war schließlich wegen des Landestrachtenfestes gesperrt.

Bürgermeister Karl-Heinz Schultz versicherte ihm aber, dass angesichts der Verkehrsbelastung - seit Einführung der Maut sind über 300 Lkw pro Tag hinzugekommen - „im Schrank die Gläser klappern". Der Applaus von mehreren hundert Zuhörerinnen und Zuhörern unterstützte ihn. Schultz dankte Wulff dafür, dass die Umgehungsstraße endlich im Bau sei. Wulff reagierte, er wisse, dass die Stadt über Jahrzehnte „verkehrlich benachteiligt" worden sei und ergänzte: „Lüchow-Dannenberg ist uns lieb, gelegentlich auch teuer".

Niedersachsens Ministerpräsident war in die Kreisstadt gekommen, um Lüchow - „einer der schönsten Städte mitten im Herzen Deutschlands" - zum Stadtjubiläum zu gratulieren. Dass hier das Landestrachtenfest gefeiert werde, sei eine „wunderbare Geste". Dieses Fest präsentiere die Vielfalt des Landes und seiner Regionen und seine Traditionen. Faszinierend sei der Stolz auf die Heimat, die Perfektion bei der Nachbildung der alten Trachten und das Miteinander der Generationen: „Die Kleinen werden integriert und die Alten bleiben munter und aktiv", sagte Wulff.

Die urkundliche Erwähnung der Stadt im Jahr 1158 sei ein wichtiger Bezugspunkt für Lüchows Geschichte. Einen solchen Bezugspunkt brauche jede Stadt, „damit Geschichte ein Gesicht bekomme". Denn in Zeiten, in denen vieles anonymer und orientierungsloser werde, sei es umso wichtiger, „dass einem die Gemeinde bleibt".

Zurückzuschauen bedeute auch, aus Erlebtem zu lernen. In den 850 Jahren habe Lüchow viel erlebt, Seuchen, Kriege, auch ein totalitäres System. Er sei sich sicher, so Wulff, dass niemand mehr in früheren Zeiten, sondern nur im Heute in Lüchow leben wolle. Passend sei ein W or t d e s Propheten Jeremias. in der Bibel: „Suchet der Stadt Bestes, denn das Wohl Eurer Stadt ist auch Euer Wohl".
Von allen Lüchower Jubiläumsaktivitäten habe ihn das Fotoalbum „Lüchows schönste Seiten" besonders überzeugt, sagte Wulff: „Es ist ein grandioses Zeugnis von gelebter Gemeinschaft", und ein Gewinn zugunsten der Bürgerstiftung sei dabei auch abgefallen. Dieses Projekt zeige, dass bürgerschaftliches Engagement in Lüchow groß geschrieben werde, lobte Wulff weiter.

Der Ministerpräsident musste anschließend reichlich Autogramme schreiben und sich vielen Fotografen stellen. Begleitet von Bürgermeister Karl-Heinz Schultz, der Landtagsabgeordneten Karin Bertholdes-Sandrock, Ratsmitgliedern und anderen machte er sich auf einen Rundgang über das Landestrachtenfest und den Burgmarkt.

Elbe-Jeetzel-Zeitung 25.8.08
Tänze vor Fachwerk-Kulisse
Landestrachtenfest in Lüchow in entspannter Atmosphäre

wby Lüchow. „Kulissenmäßig ist Lüchow einfach gut", hatte Heinz Müller vom Landestrachtenverband in der Begrüßung am Sonnabendmorgen die Schönheit der Lüchower Innenstadt gelobt. Die knapp 40 Volkstanz- und Trachtengruppen aus dem Land sorgten an­schließend dafür, diese Kulisse mit Leben zu erfüllen. Alle zwanzig Minuten präsentierte sich während des Landestrach­tenfestes auf beiden Bühnen - der einen auf dem Marktplatz, der anderen auf der Burgstraße - eine andere Gruppe. Das Publikum - eher älter als jünger - beobachtete und bestaunte Tänze und Trachten, verfolgte Schritte und temporeiche Drehungen, hörte Informationen über die Besonderheiten der Regionen zwischen Harz und Nordsee und ihre Tänze. Und auch eine kleine Trachten-Modenschau war hier und da zu sehen.

Eine besondere Attraktion im Programm waren die ausländischen Gruppen, der Schülerchor aus Newberg/Oregon sowie die Tanzgruppen aus Oboriniki, Perpignan und Litauen. Menschen in Tracht waren überall zu erleben, auf dem Flohmarkt, in den Geschäften auf dem Burgmarkt, im Publikum und an den Buden mit Speisen und Getränken. Dabei war dann auch zu beobachten, dass besonders die Trachten der Frauen selten alltagstauglich sind, weil schon das Verspeisen eines Pizzastücks schwierig werden kann, wenn man eine riesige Schleife unter dem Kinn hat.

Wunderbarerweise blieb es zu allen entscheidenden Zeiten dieses Wochenendes trocken man mochte es kaum fassen angesichts der Regengüsse, die es nachts gegeben hatte. Die Regenschirme, die man Freitag abend beim Weinabend noch gebraucht hatte - in der einen Hand den Schirm, in der anderen das Glas -, waren am Sonnabend nicht mehr nötig, als die aus dem Frankenland angereiste Adelsheimer Stadtkapelle und die Bisch-Basch-Band aus Aurich die Bühnen belebten. Die Adelsheimer machten ihr Zuhörerinnen und Zuhörer ob ihres Könnens und ihres klare Sounds staunen. „So gut kann Blasmusik klingen", stellte viele fest. Fetzigen Rock kombiniert mit verbalem und musikalischem Klamauk bot die Bisch-Basch-Band, traditionell bei Landestrachtenfesten dabei. Kaum hatten die vier Musiker unterstützt von drei Kindern an Plastikkanister und Tamburin losgelegt, wurde auch schon getanzt. Die Kreis-Formation mit Jacken und Rucksäcken in de Mitte erinnerte ein wenig an die katalanische Sardane, die Schritte eher weniger. Gut Stimmung herrschte dann am späteren Abend auch auf dem Amtshof, wo zwei DJs für Musik sorgten.

Elbe-Jeetzel-Zeitung 25.8.08
„Volkstanz kann jeder”
Im Gespräch mit Heinz Müller und Bettina und Werner Lübbe

by Lüchow. Volkstanz- und Trachtengruppe sind wieder im Aufwind, sagt Heinz Müller, der stellvertretende Vorsitzende des Landestrachtenverbandes Niedersachsen und Mitglied in der Volkstanzgruppe Apelern. Seit 1967, damals hatte sich in seinem Dorf aus der Schule heraus eine Volkstanzgruppe gebildet, betreibt er Volkstanz und hat in diesen über 40 Jahren viel Aufs und Abs erlebt. Für den als „Germanenschof" gescholtenen Volkstanz geht es wieder bergauf, sagt Müller, „denn werden die Zeiten schlechter, besinnt man sich wieder auf das Zusam- mengehörigkeitengefühl".

Natürlich sei die Konkurrenz hart - besonders von Fußballvereinen und der „Räuberfeuerwehr", „Räuber" deswegen, weil von dort jetzt auch die Mädchen „geraubt" werden.

Werner und Bettina Lübbe haben sich einst über den Volkstanz kennen gelernt - in Spanien, bei einem internationalen Volkstanztreffen. Zu Hause in Niedersachsen wohnten sie gar nicht so weit voneinander weg, in Buchholz und in Winsen.

Diese Reisen in andere Länder machten das Volkstanzen vor einigen Jahren noch besonders attraktiv. Die „Gemeinschaft in der eigenen Gruppe", das „Zusammengehörigkeitsgefühl über Grenzen hinweg" - deshalb sind die Lübbes beim Volkstanzkreis Winsen dabei.

„Volkstanz kann jeder", sagt Bettina Lübbe, es sei einfach zu lernen. Selbst Leute mit zwei linken Füßen werden mitgezogen, ergänzt Heinz Müller. Bettina Lübbe ist noch etwas anderes wichtig: „Bei anderen Sachen musst du gut sein, da gibt es Wettkämpfe. Zum Volkstanz gehst du nicht mit dem Gedanken: Ich muss Erster werden." Und eine besondere Figur müsse man auch nicht haben: „Ein paar Kilo mehr fallen unter der Tracht gar nicht auf".

Volkstanz geht auch ohne Tracht, sagt Werner Lübbe, und deshalb präsentieren sich die Winsener Volkstänzer bei Veranstaltungen wie einem Vereineinsforum in Zivil, nämlich in Jeans und T-Shirt. Den Nachwuchs locke vor allem die Musik und die Lust am Tanzen - und die Musik könne dabei auch durchaus der Jetztzeit entstammen. Am Wochenende in Lüchow tanzte der Winsener Nachwuchs - dem zum Beispiel auch ein mongoloides Mädchen angehört, das begeistert dabei war - zu dem aktuellen Hit vom „Roten Pferd".

Für Ninja, Leonie, Berit, Helnea, Isa und Lena steht das „Zusammentanzen" an erster Stelle. Und das ist zu sehen, denn während die Mädchen auf ihren Auftritt warten, tanzen sie ganz für sich selbst nach der Musik, die von der Bühne zu hören ist. An zweiter Stelle nennen sie das „Wegfahren". Das ist umso spannender, wenn auch noch eine Übernachtung in einer Schule dazugehört. Denn da geht ein jedes Landestrachtenfest nachts weiter. Man trifft sich in der Aula, es gibt Live-Musik, man tanzt und das Ganze ist ein „Mordspaß". Bettina Lübbe etwa ist am Sonnabendmorgen erst um 6 Uhr früh ins Bett gekommen. Wenn das Wochenende mit Tanzvorführungen und dem Umzug dann vorbei ist, fallen Kinder wie Erwachsene alle zuhause wie tot ins Bett. Aber es war schön.

Werner Lübbe weiß, dass es trotz aller Freunde des Nachwuchses an Tanz und Tracht eines Tages ein Pubertätsproblem gibt: Zwölf- bis 15-Jährige würden dann zwar zu Auftritten in andere Regionen mitreisen, aber nicht zu Hause mittanzen: Von Klassenkameraden wollen sie nicht gesehen werden
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Fotos: Wilfried Dubiel

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