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Pressenachlese
Dewezet 22.6.09 Im Hut das Geheimfach für Brot und Schnaps
Trachtengruppen aus ganz Niedersachsen bei Tag der Niedersachsen /Verband hilft bei Rekonstruktionen
VON PETER HÖXTER UND BIRTE WULFF
Hameln. Wer sie tot geglaubt hat, irrt gewaltig – die Tracht lebt! Egal, wo man ging, überall begegneten einem die festlich gekleideten Frauen und Männer. Und wie beliebt ihre Tradition zu sein scheint, wurde an den Bühnen deutlich, wo sie ihre Tänze aufführten – das Interesse daran war groß. Insgesamt 62 Trachtengruppen aus ganz Norddeutschland, von Scheeßel bis Harzgerode, von Klostermoor bis Berlin zeigten den Besuchern, wie bunt und vielfältig die norddeutschen Trachten sind. Rot, Blau, Schwarz und viele glitzernde Stickereien beherrschten das Bild. Und wer nun glaubt, dass dieses bunte Treiben von ausschließlich älteren Bewohnern der verschiedenen Regionen betrieben wird, irrt ein zweites Mal. So hat beispielsweise die Trachtengruppe aus Lindhorst im Schaumburger Land allein 48 Kinder und Jugendliche mit dabei. Michelle Sydow mit ihren 14 Jahren mag beispielsweise lieber die Trachtentänze als Hip-Hop. Sie ist gekleidet in eine Festtagstracht mit eingestrickten Perlen, einer Handwerkskunst, die heute kaum noch jemand kann. Und sie trägt eine Silberbrosche von 1883 mit den Initialen der damaligen' Brautleute. Original ist alles was getragen wird. Und ihr Tanzpartner Wolfgang Reese, mit 60 Jahren der Senior der Truppe meint schmunzelnd, „meine Männertracht ist so schlicht, weil die Frauen so viel kosten. Der einzige Luxus sind bei unseren Männertrachten die Uhrenketten aus Frauenhaar." Helge Brocke steht in seiner militärisch anmutenden Braunschweiger Festtagstracht mit Dreispitz eher einsam am Rand, ist jedoch trotzdem guter Dinge. „Meine Leute sind alle bei der Feuerwehr im Einsatz, aber ich habe Freunde bei den anderen Trachtengruppen, da tanze ich halt dort mit. Ich komme ja in der Hauptsache wegen des Zusammenhalts her."
Eine Besonderheit haben die hohen Hüte der Scheeßeler Männertracht zu bieten, sie haben ein Geheimfach für Brot und Schnaps, um den langen Kirchgang angenehmer zu gestalten. Und ein weißes Tuch, um die Unschuld der Braut zu prüfen. Heiko Klee, der unter anderem seinen sechsjährigen Sohn Marten mit in der Truppe hat, hat seinen Vorrat allerdings schon verbraucht. Und dass die Tänze ganz und gar nicht langweilig sind, stellte die Trachtengruppe aus Winsen/Luhe mit ihrer Kindergruppe unter Beweis, die einige Irische Tänze fröhlich und mit Schwung präsentierten. Und noch eins haben viele gelernt an diesem Tag: Niedersachsen hat die vielfältigsten Trachten in ganz Deutschland, noch vor den Bayern, wo es zwar viele Trachten gibt, die aber alle etwa gleich sind, wie Wilfried Dubiel (60) vom Landestrachtenverband erklärt. Und darum sind die norddeutschen Trachtengruppen auch nicht Bange um die Zukunft.
Exakt geplanter Umzug am Sonntag
Zwar kehrten viele, die im Kindesalter trachtenbegeistert seien, ihrem Hobby als Jugendliche erst einmal den Rücken, kommen aber später zurück, erzählt der Verbandsvorsitzende Dubiel, der der Trachtengruppe Sandhorst angehört. Der Verband hilft beispielsweise Heimatgruppen, Trachten historisch und wissenschaftlich fundiert richtig zu rekonstruieren, wofür Kenntnisse aus Kostüm- und Sozialkunde herangezogen werden.
Dubiel selbst organisiert jedes Jahr federführend den federführend den großen, ellenlangen trachtenumzug mit, dessen Reihenfolge exakt geplant wird. Kapellen, sagt er, wollen richtig im Zug verteilt werden, damit nicht etwa eine fetzige Jazzband hinter einer Schaumburger Hochzeitsgesellschaft läuft, und damit jemand, der zuvor hinten ging, diesmal weiter vorne marschiert. In diesem Jahr laufen 152 Gruppen mit etwa 3900 Teilnehmern mit, die sich bis zum 1. März beworben haben mussten. Die meisten von ihnen stammen aus dem Weserbergland.
Sonne lacht über dem Umzug der Rekorde
Über 150 Trachtengruppen präsentieren sich / Gut 50 000 Zuschauer sehen die bunte Parade mit 3800 Teilnehmern
Hameln (wul). Und plötzlich war doch wieder ein Durchkommen: Für den prächtigen Trachtenumzug rückten von der Stadt geschätzte 50.000 Besucher an die Seite und machten Platz für die rund 3800 Teilnehmer. Vorneweg Innenminister Uwe Schünemann und Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann, beide ganz konventionell gekleidet, die folgenden Mitglieder des Hamelner Rates hingegen hatten die historische Ratskleidung angezogen. Als Höhepunkt war er angekündigt und die zigtausend Gäste, die entlang der Strecke standen, genossen die besondere Schau sichtlich. Startpunkt für den größten Trachtenumzug, der je bei einem Tag der Niedersachsen zu sehen war, war der 164er-Ring. Über 150 Trachtengruppen aus, ganz Niedersachsen – der Großteil aus der Region – und 30 Kapellen stellten sich dort nach exaktem Plan auf, bevor sich der Tross über die Deisterallee, Ostertorwall, Bäckerstraße über den Pferdemarkt, Osterstraße, Heiliggeiststraße, Kastanienwall und Wettorstraße zurück zum Ausgangspunkt am 164er Ring bewegte. Nicht nur in Hameln konnte der Umzug verfolgt werden – der NDR übertrug li ve aus der Osterstraße. Fotos: Dana/fn/gro
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